Der Mönch und sein Sohn

Ein alter Mönch saß vor seinem Kloster und betrachtete den Sonnenuntergang.

Neben ihm saß sein Sohn.

Der Sohn war bekannt dafür, immer die falschen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann fragte der Sohn:

„Vater, wann wird ein Mensch weise?“

Der Mönch dachte lange nach.

Schließlich antwortete er:

„Wenn er erkennt, dass er nicht alles weiß.“

Der Sohn nickte.

„Und wann wird ein Mensch erleuchtet?“

Der Mönch dachte noch länger nach.

Dann sagte er:

„Wenn er erkennt, dass er auch das nicht weiß.“

Der Sohn überlegte.

Dann begann er zu grinsen.

„Und wann wird ein Mensch wirklich frei?“

Der Mönch lächelte.

„Wenn er aufhört, gegen die Wahrheit zu kämpfen.“

Der Sohn dachte nach.

Dann begann er laut zu lachen.

Der Mönch runzelte die Stirn.

„Was ist so lustig?“

Der Sohn antwortete:

„Die meisten Menschen kämpfen ihr ganzes Leben gegen die Wahrheit und nennen es Erkenntnis.“

Der Mönch schwieg.

Nach einer Weile nickte er.

„Das war eine gute Antwort.“

Der Sohn grinste.

„Danke. Die habe ich von dir gelernt.“

Der Mönch lächelte.

„Dann habe ich wohl doch nicht alles falsch gemacht.“

Der Sohn lachte noch lauter.

„Siehst du! Genau deswegen mag ich dich.“

„Warum?“

„Weil du über dich selbst lachen kannst.“

Der Mönch betrachtete lange den Horizont.

Dann sprach er:

„Wer nicht mehr über sich selbst lachen kann, wird Gefangener seiner eigenen Geschichte.“

Der Sohn nickte.

„Und wer wieder über sich selbst lachen kann?“

Da begann der alte Mönch herzlich zu lachen.

So sehr, dass ihm die Tränen kamen.

Schließlich antwortete er:

„Der entdeckt, dass die Tür nie abgeschlossen war.“