Posted On 27. Dezember 2025

Nach der Wende:

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Vom Desinteresse zur harten Landung – Meine Geschichte (Teil 2)

Hallo liebe Leser,

willkommen zum zweiten Teil meiner Lebensreise. Im ersten Beitrag habe ich euch von meiner Kindheit und Jugend auf dem Dorf in der DDR erzählt – von der Natur, dem Zusammenhalt und wie diese Umgebung mir als hochsensibler Mensch mit bipolarer Störung Stabilität gegeben hat.

Heute geht es weiter mit der Wendezeit und den ersten Jahren danach: Was passierte unmittelbar nach dem Fall der Mauer? Wie erlebte ich die neuen Freiheiten, die Arbeitslosigkeit, die Jobsuche und den Absturz in Schulden und Spielsucht? Es war eine Phase voller Kontraste – von anfänglichem Desinteresse bis zur harten Realität. Ich erzähle es chronologisch und so authentisch wie möglich.

Der Fall der Mauer: Kein Rühren, kein Interesse

Der 9. November 1989 – für viele ein Meilenstein. Für mich? Gar nichts. Der Fall der Berliner Mauer hat mich emotional nicht berührt. Ich habe mich weder gefreut noch geschockt gefühlt. Es war einfach da, irgendwo im Hintergrund. Wir hatten Verwandte im Westen, die uns jährlich besucht und Pakete geschickt hatten – vor allem zu Weihnachten mit Sachen, die bei uns fehlten. Aber das war auch alles. Ich schätze, es vergingen etwa 4 Monate, in denen ich mich überhaupt nicht darum gekümmert habe. Für mich existierte noch kein „Westen“.

Historische Szene vom Fall der Berliner Mauer – Menschen an der offenen Grenze, jubelnde oder neugierige Gesichter

Der erste Besuch im Westen: Begrüßungsgeld und die Freude am Motorrad

Kurz nach der Grenzöffnung fuhren wir zu den Verwandten – einfach nur zum Besuchen. Ich hatte keine Erwartungen, wollte nichts Besonderes. Mein Onkel nahm mich mit auf den Markt, kaufte mir eine Bomberjacke und holte mit mir die 100 DM Begrüßungsgeld ab. Allein hätte ich das nie gemacht – aus purem Desinteresse.

Aber dann passierte etwas Schönes: Mit dem Geld kaufte ich mir ein Motorrad aus der DDR – eine 250er MZ TS mit Kanzel und M-Lenker. Solche Maschinen waren einmalig und für mich normalerweise unbezahlbar. Der Verkäufer wollte 1500 Mark (DDR-Mark), ich hatte nur 900 M – also legte ich die 100 DM drauf. Der damalige informelle Wechselkurs (ca. 1:5) machte es möglich. Das war eine riesige Freude! Solange ich noch Arbeit hatte, fuhr ich damit zur Firma. Alles andere blieb ausgeblendet. Diese Freude hielt etwa 4 bis maximal 5 Monate.

Die Arbeitslosigkeit: Der Anfang vom harten Aufschlag

Dann kam die Arbeitslosigkeit – und sie wurde zu einer der schwersten Zeiten. Als Letzter in die Firma gekommen, war ich einer der Ersten, die gehen mussten. Hilfe vom Onkel im Westen gab es leider kaum, fast alles wurde abgelehnt. Plötzlich stand ich ohne Netz da.

Ich begann aktiv zu suchen – und erlebte den ersten richtigen Schock der neuen Zeit. Täglich fuhr ich in den Westen, las Zeitungen und stellte mich vor. Was mich erwartete, war oft ernüchternd: Absagen mit Fragen wie „Warst du schon bei der Bundeswehr?“, zweifelhafte Drückerkolonnen, aus denen ich knapp entkam, oder Firmen, die Interesse zeigten – bis sie merkten, dass ich aus dem Osten kam. Dann fiel der angebotene Lohn drastisch, manchmal ins Bodenlose.

Schulden, Spielsucht und der Autowahnsinn

Die Suche kostete Zeit, Kraft und vor allem Geld, das ich nicht hatte. So geriet ich in die Schuldenfalle. Spielhallen lockten mit schnellem Geld – und eine heftige Spielsucht begann. Meine Mutter half mir mit Vorschüssen für Autos. In dieser Phase wechselten mehrere Fahrzeuge: Ost-Autos, ein VW Käfer, am Ende ein Ford Capri 2, der eine Weile hielt. Der Schuldenberg wuchs trotzdem rasant.

Der Autohandel boomte wild: Schrottfahrzeuge wurden aufgehübscht und verkauft. Die Spielhallen waren eine richtige Hölle – hier könnten allein dazu ganze Kapitel entstehen.

Ford Capri der 80er/90er Jahre oder typische Spielhalle-Atmosphäre der Zeit

Kurze Stationen bis zur Bundeswehr

Kurz zusammengefasst die nächsten Schritte: Ich landete bei einer Reinigungsfirma – wir wohnten unter der Woche im kleinsten DDR-Wohnwagen, den es gab. Dann ein kurzer Versuch mit eigener Reinigungsfirma (Selbständigkeit). Danach eine ABM-Maßnahme. Als mir alles zu bunt wurde, bewarb ich mich bei der Bundeswehr – das sollte wieder Struktur bringen.

Kleiner alter Wohnwagen oder Symbol für Reinigungsarbeit/ABM in den 90ern

Meine Reflexion heute

Diese Phase war geprägt von Kontrasten: anfängliches Desinteresse, ein kurzer Höhenflug mit dem Motorrad, dann der tiefe Fall in Unsicherheit, Diskriminierung und Sucht. Als hochsensibler Mensch traf mich das besonders hart – die vielen neuen Reize, der Druck und die Ablehnung verstärkten meine bipolaren Schwankungen.

Aber genau diese Erfahrungen haben mich auch resilient gemacht. Heute schaffe ich mir bewusst die Stabilität, die mir früher half: Natur, klare Rhythmen, echte Verbindungen und kreative Ventile wie diese Webseiten.

Im nächsten Teil berichte ich von der Bundeswehr-Zeit und wie ich langsam wieder Fuß fasste.

Bundeswehr-Zeit – Lernen, Struktur und Kameradschaft

Für mich war die Bundeswehr eher wie eine zweite DDR – nicht im negativen Sinne, sondern weil es klare Strukturen, Regeln und Abläufe gab. Anfangs spürte ich kaum Stress; es gab genügend Pausen, um sich zu erholen, und die Grundausbildung war zwar nervig, aber sie schuf ein starkes Gefühl von Kameradschaft. Niemand konnte so einfach weglaufen – wir waren ein Team.

Ich landete nach der Musterung bei der Luftwaffe und erkannte die Bedeutung dieser Zeit erst viel später. Am Anfang ging es vor allem darum, Befehle zu befolgen, und seltsamerweise fiel mir das kaum schwer. Die klare Struktur half mir, mich einzufinden und Aufgaben zu verstehen.

Ich war in der KFZ-Instandhaltung tätig und stieg dort später zum Vorgesetzten auf. Während meiner Laufbahn besuchte ich verschiedene Lehrgänge für Fahrzeuge und für meine Aufgaben als Führungskraft. Mit der Zeit entwickelte sich ein tieferes Verständnis dafür, was die Bundeswehr wirklich darstellte – nicht nur Organisation und Disziplin, sondern auch Verantwortung, Teamgeist und die Fähigkeit, in komplexen Situationen Entscheidungen zu treffen.

Aber genau diese Erfahrungen haben mich auch resilient gemacht. Heute schaffe ich mir bewusst die Stabilität, die mir früher half: Natur, klare Rhythmen, echte Verbindungen und kreative Ventile wie diese Webseiten.


Leser-Aufruf

Habt ihr ähnliche Geschichten aus der Wendezeit? Wie habt ihr den Übergang erlebt oder seid aus schwierigen Phasen herausgekommen? Ich freue mich auf eure Kommentare!


Ausblick

Im nächsten Teil berichte ich von der Bundeswehr-Zeit und wie ich langsam wieder Fuß fasste.

Bis bald,

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